Saverne, Sarajevo, Berlin... - die Erste!

„Das Seminar in Saverne hat mir Europa näher gebracht! Ich bin dabei auf interessante

und offene Menschen gestoßen, mit denen ich interessante und offene Gespräche über
Europa, verschiedene Formen des Engagements und unterschiedliche Lebensrealitäten
geführt habe. Gerne habe ich mich aber auch von kompetenten Menschen, ob optimistisch
oder schwarzmalerisch, inspirieren und belehren lassen. Die vielen Eindrücke kann man
nicht auf einen Schlag bearbeiten, aber das Seminar und die Zusammenarbeit mit den
verschiedenen NGOs hat mir geholfen die Zusammenhänge auf dem Balkan besser zu
verstehen und einen besseren Überblick von Europa im Allgemeinen zu bekommen. Wo soll
man den auch besser bekommen als in und um Straßbourg. Ich bin außerdem gespannt auf
die Entwicklung der Zusammenarbeit in den nächsten zwei Seminaren.“ (Alex)
 
„Trinational? Deutschland – Frankreich okay, aber wie passt Bosnien da rein? Sehr schnell
gemerkt, dass BosnierInnen Leute sind wie wir, gleiche Probleme, gleiche Vorlieben… Die
Trinationalität ist eine tolle Sache, da man trotz unterschiedlicher Herkunft schon alsbald die
Gemeinsamkeiten erkennt.“ (Freddy)
 
„Recht auf Gleichheit? Recht auf Differenz
Diese Worte haben meinen Aufenthalt in Saverne geprägt. Wir waren eine
Gruppe von jungen Leuten aus insgesamt drei verschieden Ländern, die
unterschiedlicher kaum hätten seien können. Ich fand gut, dass eben
diese Vielfältigkeit respektiert und sogar gefördert wurde. In diesem
Seminar ist mir bewusst geworden, dass nicht jeder von uns die gleichen
Rechte und Freiheiten hat und dass wir alle gemeinsam daran arbeiten
sollten diesen Zustand zu ändern. Das Seminar in Saverne war ein guter
Start und ich bin gespannt, wie das Projekt weiter geht.“ (Anna)
 
Der Begriff Europa ist für viele Menschen schwer greifbar. Zur geographischen Abgrenzung
Nach Osten nennt noch fast jeder das Uralgebirge, doch wenn es an die gesellschaftliche,
kulturelle oder gar politische Dimension geht, wird es schon schwerer.
In der Presse und den Medien wird dann oft davon gesprochen, dass die Institutionen der
Europäischen Union und ihre europäische Politik zu fern von ihren Bürgern ist, oft wird eine
Distanz heraufbeschworen, die dann auch nicht näher definiert ist.
 
In diesem Kontext haben fünf Organisationen, darunter AEGEE Mannheim, zu Beginn dieses
Jahres ein Projekt – besser eine Projektreihe – initiiert, welches den Titel „Who cares about
Europe?“ trägt.
 
Acht Mitglieder aus unseren Reihen würden an dem Projekt teilnehmen, doch was hatten wir
Teilnehmer von diesem Projekt zu erwarten?!
 
Wir wussten, dass es ein trinationales Projekt werden würde, also je 8 Studenten und
junge Berufstätige aus den Teilnehmerländern Frankreich, Deutschland und Bosnien und
Herzegowina.
Wir wussten, dass es im Mai in Saverne bei Straßburg stattfinden würde und wir wussten
auch, dass es zwei weitere Treffen in Sarajevo und Berlin geben wird.
Viel wussten wir also noch nicht.
Also entschieden wir uns, einigen Fragestellungen nachzugehen, die uns wichtig erschienen.
 
Bosnien und Herzegowina: Was wissen wir überhaupt über dieses Land? Was ist damals
bei dem Krieg in „Ex-Jugoslawien“ 1992-1995 passiert? Welche Auswirkungen hat er auf die
heutige bosnische Gesellschaft und Politik?
Wo finden wir Parallelen zur deutschen und französischen Geschichte? Zum Konflikt um
 
Elsaß-Lothringen?
Jugendliche in Europa – wer sind das? Wie denken FranzosenInnen, BosnierInnen und
Deutsche über europäische Werte, europäische Probleme?
 
Die Projektwoche begann mit einer Kennlern- und Vorstellungsrunde. Im Grunde hatten wir
dies bereits am vorherigen Ankunftsabend in aller Form, mit diversen Sprachkenntnissen
und viel Spaß getan, jedoch waren die Erläuterungen der Projektleiter sehr hilfreich, da sie
uns das Vorgehen und insbesondere die Ziele des Projekts deutlicher machten:
Sinn dieser ersten Ertappe war und ist es, damit zu beginnen, uns zu „Europabotschaftern“
auszubilden. Sprich: Wir sollen Fachleute werden, die sich mit dem Thema Europa und
Europäische Union auskennen und ihr Wissen darüber an andere Interessierte, Schüler,
Studenten weitergeben.
 
Nachdem zumindest dies nun etwas klarer war, begannen wir mit dem eigentlichen Projekt,
was trotz der relativ kurzen Dauer von sieben Tagen so intensiv und umfangreich war, dass
es unmöglich wäre, allen Eindrücken, Unternehmungen und Erkenntnissen gerecht zu
werden…
 
Neben dem Grundwissen zur Europäischen Union, was Gründungsidee, Gründungsdatum,
Beitrittskandidaten etc. anbelangt, lernten wir bei unseren Recherchen beispielsweise
Louise Weiss kennen – Journalistin, Aktivistin, Frauenrechtlerin und Politikerin und mit ihren
Ideen eines geeinten Europas Vorreiterin der Europäischen Union. Heute findet man ihren
Namenszug auf dem Gebäude des Europaparlaments.
 
Was verbinden Sie mit dem Stichwort Europa und Europäische Union? Wie stehen Sie zum
Thema EU-Osterweiterung? – fragten wir Anwohner von Saverne. Oft verwiesen sie auf die
Reisefreiheit dank des Schengen-Abkommens und sahen die Osterweiterung kritisch und
brachten an der Stelle die Euro- und Wirtschaftskrise mit ins Spiel.
 
Ein Tagesausflug führte uns zum Mémorial de L'Alsace-Moselle in Schirmeck und brachte
uns hier die Historie von Elsaß-Lothringen und der deutsch-französischen Versöhnung
näher.
 
Dieser Zusammenhang brachte uns schließlich zum Konflikt des ehemaligen Jugoslawiens,
welches vor den Bürgerkriegen der Jahre 1992 – 1995 ein Vielvölkerstaat gewesen und
nun in viele einzelne Staaten (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien,
Montenegro und das Kosovo) zerfallen ist.
Unser thematischer Schwerpunkt lag auf Bosnien und Herzegowina (BiH), dem Staat,
welcher nach Kriegsende mit dem Vertrag von Dayton innenpolitisch in zwei so genannte
Entitäten – Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation - geteilt wurde.
 
Primär geschah dies, um dem wütenden Bürgerkrieg endlich ein Ende zu bereiten.
Gleichzeitig wollte man den verschiedenen ethnischen Gruppen gerecht werden – den
muslimischen Bosniaken, den römisch-katholisch Kroaten und den orthodoxen Serben.
Bis heute besteht das komplizierte Verwaltungssystem, welches im Vertrag von Dayton
konzipiert wurde und einen von vielen Gründen darstellt, weshalb das politische
Fortschreiten des Landes gehemmt ist.
Über die gelebte Realität in Bosnien und Herzegowina erfuhren wir zum Einen sehr viel von
unseren bosnischen Projektkollegen, zum Anderen bei Treffen mit zwei engagierten Europa-
Politkerinnen.
So gab uns Frau Caroline Ravaud, ehemals Sonderbeauftragte des Generalsekretärs des
Europarates für BiH, einen Eindruck über die schwere politische Zusammenarbeit mit dem
ex-jugoslawischen Staat.
Auch Frau Doris Pack, Mitglied des Europäischen Parlaments, gab uns wertvolle
Informationen und diskutierte mit uns darüber, ob die EU ähnlich wie die USA in der Lage
dazu sind „Vereinigte Europäische Staaten“ zu werden.
 
Zum Ende der Projektwoche begannen wir, alle Eindrücke, Informationen und Erfahrungen
zu filtern und für uns festzustellen, was die Herausforderungen für die einzelnen Staaten
Europas und für die EU aus Sichte von Deutschland, Frankreich und Bosnien und
Herzegowina sind und sein werden.
Auf der einen Seite wurden noch einmal Unterschiede zu der bosnischen Sicht deutlich,
da in diesem Land noch viel grundlegendere Probleme, wie Korruption, Vetternwirtschaft,
hohe Arbeitslosigkeit und mangelnde (politische) Bildung bekämpft werden müssen. Auf der
anderen Seite sahen wir alle das Problem der Akzeptanz der EU und die gefühlte fehlende
Bürgernähe, die Problematik des mangelnden Wissens über Europa und die Institutionen der
EU sowie die große Frage der Grenzen der europäischen Solidarität insbesondere in Fragen
der Außenpolitik, der Finanzpolitik und der Migrationspolitik.
 
Was kann man dagegen unternehmen? Ein Ansatzpunkt ist mit Sicherheit das Wissen über
die Europäische Union. Wer Bescheid weiß, was die EU ist, wie sie funktioniert, mit welcher
Intention sie gegründet wurde und mit welchen Problemen sie heute zu kämpfen hat, der
fühlt sich dem abstrakt erscheinenden Gebilde näher, kann Entscheidungen vielleicht besser
nachvollziehen, mit Sicherheit aber besser hinterfragen und gezielt kritisieren und sich
engagieren.
 
Während des Projektauftakts erhielten wir eine riesige Menge an „Wissens-Input“,
gleichzeitig lernten wir tolle neue Menschen kennen, ihre Interessen, ihre Alltagsprobleme
und ihr Engagement für Jugendliche, für Menschenrechte für mehr Bildung - auch über uns
selber, unsere Vorstellungen und Erwartungen machten wir uns Gedanken.
 
August 2011, Sabine Nadarevic